Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag

Heute vor einem Jahr starb die Welt. Lang lebe die Welt !

Wenn man gestern den Fernseher anmachte, stieß man auf jedem Sender auf die weltweiten Trauerfeiern anlässlich des Jahrestages der Terroranschläge in New York und Washington. Soweit das man auf Werbung verzichtete, wie dies einige amerikanische Sender taten ging es hierzulande nicht, aber das Interesse und der damit verbundene Aufwand war enorm. Und dieses Interesse war weltweit. Aus unzähligen Ländern reisten mehrere Teams zu den Feierlichkeiten in den USA, um von dort live zu berichten.

Als neu eingetroffener Alien fragt man sich natürlich: "Warum dieser Aufwand und Anteilnahme?" Es ist sicherlich nicht nur weil vor einem Jahr innerhalb weniger Stunden knapp 3000 Menschen grausam zu Tode kamen; - verbrannten, erstickten, oder erschlagen wurden.
Natürlich nicht, denn sonst müssten wir ja jeden einzelnen Tag des Jahres weltweite Trauerfeiern abhalten. Trauern um die vielen tausend Menschen, die täglich weltweit sterben, verbrennen oder erschlagen werden durch Bomben bei Anschläge und Kriegen, oder um die, welche durch Hunger, Durst und mangelnde Hygiene, also durch schlichte Armut langsam zu Grunde gehen.

Der Mensch, der um zu Begreifen einteilt, also in Schubladen steckt, braucht dafür Symbole. Und so wie zum Beispiel der Eiffelturm einst als ein Symbol für den Fortschritt, oder die Berliner Mauer für eine Teilung der Welt in einen Ostteil und einen Westteil stand, so war das World Trade Center ein Symbol für enorme wirtschaftliche Kraft und das Pentagon stand für die, diese sichernde militärische Kraft.
Es als ein Symbol für die offene Gesellschaft zu betrachten ist natürlich die weitaus hübschere Vorstellung, die weniger geschönte Formulierung könnte es aber auch als das Goldene Kalb, die Götze des Geldes und des technischen Fortschritts bezeichnen.

Die Anschläge selbst sind nun ein heute gültiges Symbol. Sie stehen zwar nicht gerade für das, zugegebenermaßen schmeichelhaftere Symbol als Endpunkt des Kalten Krieges, denn diese Funktion hat bereits der Fall der Berliner Mauer eingenommen, vielmehr stehen sie viel unschmeichelhafter für Entdemokratisierung, Totalisierung und eine erneute Teilung der Welt, diesmal in einen demokratisch christlich technokratischen Teil und einen durch muslimische Klangesellschaften geprägten Teil.

George W. Bush sagte, dass die Anschläge Amerika und das amerikanische Volk demoralisieren sollten. Aber wenn die Attentäter Amerika als das symbolische Land der Verwerflichen und Unmoralischen betrachtet ist dies unwahrscheinlich. Und auch Osama bin Ladens Ziel war es sicher nicht zu demoralisieren. Er hofft doch offensichtlich, durch das Aufbauen eines starken Feindbilds, die islamische Welt unter seiner Führung zu einen.

Oft genug war seine Ablehnung gegenüber der amerikanischen Präsenz im Nahen Osten und vor allem in seiner Heimat Saudi-Arabien in der Öffentlichkeit in den Vordergrund gestellt. Das es das eigentliche Ziel von bin Laden ist, durch die Provokation von aggressiven amerikanischen Verhalten in der islamischen Welt, das saudische Volk dazu zu bringen, sich gegen ihre feudalen Herrscher zu erheben und einen islamischen Gottesstaat zu errichten, ist offenbar. Das weiß auch George Bush; aber vorteilhafter ist natürlich die Fassung mit der Demoralisierung.

Es bleibt nur zu Hoffen das er nicht vergisst, was tatsächlich der Fall ist, denn mit jeder Aggression gegen die islamische Welt bringt er bin Laden seinem Ziel ein Stück näher. Und dies ist es auch, was die Vertreter der Arabischen Liga meinen, wenn sie davor warnen, dass sich im Mittleren Osten das Tor zur Hölle auftun könnte. Die größte Gefahr, die ein Angriffs auf den Irak mit sich bringt ist es somit, in vielen Ländern islamische Revolutionen auszulösen und damit Osama bin Laden in die Hände zu Arbeiten.

Gestern vor einem Jahr starb die Welt wie wir sie kannten und gebar eine neue, die nun Geburtstag hatte.

Im Vorfeld dieses Datums war über Geburtstagsgeschenke in Form neuer Anschläge spekuliert worden. So präsentierten sich New York und Washington dann auch hübsch einladend mit ihren Feierlichkeiten und Medienvertretern aus aller Welt den Terroristen an. Aber als einziges erreichten die Ausläufer eines Atlantischen Wirbelsturms New York am Nachmittag, wie ein Fingerzeig des Himmels. Die Welt muss also weiter mit ihren Symbolen leben, bis ein neues Ereignis die Welt tötet und eine neue gebärt.

Möge die Welt lang leben. Aber vielleicht heißt es ja auch eines Tages: "God bless the World" Dann könnte der Mensch vielleicht sein Schubladendenken aufgeben und auf die Symbole verzichten.