Die USA und die Kultur
Entgegen der offenbar weitläufig verbreiteten Meinung, erscheint es nun als erwiesen, dass die USA eine eigene Geschichte haben und ihre Zivilisation kulturell hochstehend ist.
Es mag dies nun ein Zufall sein, dass ich persönlich es in letzter Zeit häufiger als Argument zu hören bekam, dass die USA über gar keine eigenständige Geschichte verfügten. "Und außerdem," heißt es dann, "können die Amerikaner, mal ausgenommen von der Fast-Food-Kultur auf keine weiteren, hochkulturellen Leistungen verweisen!" Bezeichnenderweise wird mit dieser Aussage McDonalds und Coca-Cola kulturell höherwertig als Hollywood eingestuft.
Aber wie bereits gesagt, mag dies nur ein Zufall sein. Ich bekam lediglich die Meinung einiger unwissender Dilettanten oft zu hören, die nicht die allgemeine öffentliche Meinung wiederspiegelt. Denn ich hielt die kulturellen Leistungen der US-Amerikaner bisher für allgemein als wahr anerkannt. Die Welt in der wir leben, so wie sie heute ist, wurde entscheidend mitgeprägt durch die Werke von Schriftstellern wie Mark Twain und Ernest Hemingway oder von Philosophen wie Peirce und Dewey, aber auch durch die Leistungen von Künstlern wie Warhol und von Wissenschaftlern wie Edison oder Oppenheimer. Und, dass eine Nation, die vor über 200 Jahren gegründet wurde über eine eigenständige Geschichte verfügt halte ich für selbstverständlich.
Allerdings fällt bei ihrer genaueren Betrachtung dummerweise auf, dass das Fundament auf dem diese Nation begründet ist, in ihrer Geschichte oft mit Füssen getreten wurde. Ursprünglich waren die USA lediglich eine Kolonie Großbritanniens in Nordamerika. Ihre Bevölkerung setzte sich vor allem aus dem Abschaum, der Unterschicht, den religiös und weltanschaulich Verfolgten aus dem Mutterland zusammen. Das einzige Interesse des britischen Herrscherhauses an seinen amerikanischen Kolonien bestand in deren wirtschaftlicher Ausbeutung, zur Mehrung des Reichtums der Krone. Wegen der hohen Abgaben und Steuern die man dadurch an England zu leisten hatte, war das Leben in den Kolonien zu jener Zeit sehr schwer.
So kam es aber, dass ausgerechnet aus dem alten, europäischen, deutsch-, und vor allem französischsprachigen Raum aufklärerisches Gedankengut auf den amerikanischen Kontinent kam. Es waren die Werke von zum Beispiel Kant und Rousseau, die der fremdbestimmten, kolonialen Bevölkerung die Rechtfertigungsgrundlage gaben, sich durch zivilen und militärischen Ungehorsam gegen die Britische Krone zu erheben. Diese amerikanischen Freiheitskämpfer entsprachen im übrigen auffällig der Definition von "unrechtmäßigen Kämpfern" wie sie momentan von den USA auf Kuba festgehalten werden.
Ursprünglich wollte man ein Land schaffen, in dem jeder Einzelne frei und gleichberechtigt nach seinem persönlichen Glück streben könne. Die Gründer der USA lehnten die imperiale Kolonialpolitik von old Europe ab und waren bestrebt, europäischen Kolonien in ihrem Einflussbereich auf deren Weg in die Unabhängigkeit behilflich zu sein, damit sich einst die ganze Welt aus freien Völkern zusammensetze. Wenn dann ausgerechnet Don Rummy, der Godfather des Amerikanischen Imperialismus im 3. Jahrtausend verächtlich über alt-europäische Bedenken zu einem Krieg äussert, dann kann man dies natürlich auch als eigenständige kulturelle Leistung interpretieren.
Was ist aus diesem Ursprung, diesem Land der Freien und der unbegrenzten Möglichkeiten geworden? Nun, die Möglichkeiten scheinen noch immer unbegrenzt, sofern man das Glück hat, frei zu bleiben. Aber frei zu bleiben erscheint als eine lösbare Aufgabe, wenn man nur weiß und reich ist, und am besten einer alteingesessenen Familie angehört.
Und wie entwickelte sich das Verhältnis zur Freiheit anderer Völker? Zunächst mussten die USA der enormen Masse europäischer Auswanderer Herr werden, indem man mit ihnen den Kontinent besiedelte und dabei die ursprüngliche Bevölkerung zurück drängte, ausrottete oder deportierte, bis sich die wenigen Überlebenden in Wüsten und Sumpfgebiete eingesperrt wiederfanden.
Später wurde das US-Territorium völkerrechtswidrig bis an den Rio Grande ausgedehnt und nachträglich durch einen Vertrag mit lächerlicher Kaufsumme rechtlich abgesichert. Für einen noch viel lächerlicheren Betrag haben die USA seit über 100 Jahren Guantanamo Bay auf Kuba als Militärstützpunkt gepachtet. Auf eben jenem Stützpunkt unterhalten die USA heute ihr gefürchtetes Camp X-Ray, wo unter der Missachtung von Menschenrechten und demokratischen Grundsätzen die menschliche Beute aus der Terroristenjagd verwahrt wird. Kolumbien wurde ebenso völkerrechtswidrig Panama abgerungen, unter militärische Verwaltung gestellt, und bis heute haben die USA de facto die Kontrolle über den wichtigen Isthmus zwischen Atlantik und Pazifik.
Aber das 20. Jahrhundert sollte ja erst noch folgen! Natürlich folgte die Entwicklung der USA dabei, gewissermaßen zwangsläufig den ihr gestellten Bedingungen. Zunächst gab man das selbstauferlegte Nicht - Einmischungsgebot auf, um dem ehemaligen Mutterland Großbritannien im 1. Weltkrieg zur Seite zu stehen. Später, nach dem 2. Weltkrieg fanden sich die USA, ihrerseits als Führungsmacht einer Allianz, in Konkurrenz zu einem gleich starken Block wieder.Im Verlauf dieses Kalten Krieges verfeinerten sich zunehmend die Methoden, Einfluss und Kontrolle über Marionettenstaaten zu erlangen und zu halten. Man beging politische Morde, stürzte demokratische Regierungen um faschistoide Militärdiktaturen einzusetzen und perfektionierte die geheimdienstliche Intrige. Als die westlich Allianz schließlich als Sieger aus diesem Konflikt hervorging, hatten die USA ein weltumspannendes Netz von Abhängigkeiten, Einflussbereiche und Militärstützpunkte gesponnen.
Das es sich hierbei um eine Form politischer Kultur handelt ist ja wohl offensichtlich. In Anbetracht der augenblicklichen US-amerikanischen Politik, erscheint sie sogar als nahezu pervers perfektionierte Synthese aus römischen und britischen Imperialismus; -Ein weltumspannender Einflussbereich wird durch Militärstützpunkte verhältnismäßig billig und dadurch gewinnbringend verwaltet. Schon die Römer hielten es für erfolgsversprechender, die von ihnen eroberten Territorien sich selbst verwalten zu lassen, natürlich im Rahmen römischen Politikverständnisses, und nur bei Bedarf die Loyalität mit Hilfe befestigter Militärstützpunkte zu sichern. Für die USA war das ursprünglich so nicht vorgesehen, und in Anbetracht der heutigen USA würden sich Washington und Jefferson bestimmt im Grabe umdrehen.
Das es sich hierbei aber, zunächst völlig wertfrei um Kultur und kulturelle Leistungen handelt, steht für mich allerdings fest. Und ich wäre sehr dankbar, wenn ich zukünftig nicht mehr das Argument der geschichts- und kulturlosen USA zu hören bekäme.